Sie haben zugesagt, und jetzt sitzen Sie vor einem leeren Blatt. Das ist keine Schreibblockade. Es ist der Versuch, in fünf Minuten ein ganzes Leben zu fassen, und das geht nicht — auch nicht mit mehr Zeit.
Also hören Sie auf, es zu versuchen. Eine Trauerrede erzählt nicht das Leben. Sie erzählt einen Menschen, und das gelingt mit drei Geschichten besser als mit einer Biografie.
Der Aufbau, der trägt
Vier Teile, in dieser Reihenfolge.
Wer Sie sind. Ein Satz. „Ich bin Annes Bruder.“ Nicht mehr. Im Saal sitzen Menschen, die Sie nie gesehen haben, und sie hören besser zu, wenn sie wissen, aus welcher Nähe Sie sprechen.
Eine Szene. Nicht „sie war großzügig“, sondern der Nachmittag, an dem sie dem Nachbarn die Waschmaschine bezahlt hat und es nie erwähnte. Eigenschaften sind Behauptungen; Szenen sind Beweise. Der Saal glaubt nur den Szenen.
Was sie hinterlässt. Nicht als Bilanz, sondern konkret: der Satz, den alle in der Familie von ihr übernommen haben; das Rezept, das jetzt jemand anders kocht.
Ein Ende, das Sie vorher auswendig können. Der letzte Satz ist der, bei dem die Stimme am ehesten bricht. Schreiben Sie ihn kurz, und sagen Sie ihn sich vorher zehnmal vor.
Woher die Geschichten kommen
Fragen Sie nicht „Was fällt dir zu ihm ein?“ — darauf antwortet niemand.
Fragen Sie: „Was hat er gesagt, wenn er sich geärgert hat?“ „Wie hat sie telefoniert?“ „Was habt ihr gemacht, wenn es geregnet hat?“ Solche Fragen holen Szenen hervor, keine Adjektive. Drei Anrufe reichen für eine Rede.
Die Wahrheit, und wie viel davon
Eine Trauerrede muss nicht vollständig sein. Sie darf nur nicht lügen.
Wenn er schwierig war, sagen Sie es freundlich und sagen Sie es kurz: „Er hat es einem nicht leicht gemacht, und wer ihn kannte, weiß das.“ Ein Saal, der weiß, dass Sie die Wahrheit sagen, hört den Rest anders. Ein Saal, der eine Heiligenlegende hört, hört gar nicht mehr zu.
Was nicht in die Rede gehört: ungeklärte Konflikte, Geld, und alles, was jemanden im Publikum beschämt.
Wenn die Stimme versagt
Sie wird es vermutlich. Das ist kein Scheitern, und der Saal weiß das besser als Sie.
Drei Dinge helfen. Halten Sie das Blatt in der Hand statt auf dem Pult — Sie können sich dann auf Ihren Daumen konzentrieren statt auf die Gesichter. Machen Sie eine Pause, wenn es kommt; stehenbleiben und atmen wirkt im Saal ruhiger, als es sich anfühlt. Und bitten Sie vorher jemanden, das Blatt weiterzulesen, falls Sie nicht können. Nur zu wissen, dass jemand bereitsteht, hält die Stimme oft.
Danach
Die Rede ist einmal gesprochen, und dann ist sie weg. Fünfzig Menschen haben sie gehört, und niemand kann sie nachlesen.
Legen Sie den Text danach irgendwo ab, wo die Familie ihn wiederfindet — auf der Gedenkseite, in einer Mail an alle, ausgedruckt in dem Ordner, den sowieso jemand anlegt. Wer nicht kommen konnte, liest ihn dann doch. Und in zehn Jahren ist er das Einzige aus diesem Tag, das noch wörtlich da ist.


